Natur & Umwelt

Etwas ist faul im Staate “Outdoor”

Gedanken zur Reportage "Brennpunkt Trolltunga" und darüber hinaus

Heute gibt es aus aktuellem Anlass leider schwere Kost. Dass Wandern, Bergsteigen und Sport in der Natur keine Randbewegung sondern ein ausgewachsenes Massenphänomen ist, sollte jedem klar sein, der sich an einem sonnigen Samstag auf den Weg in die Münchner Hausberge macht. Aber wem will man das verübeln? Den Reiz der Berge und das Gefühl draußen zu sein, kennen wir alle nur zu gut und sind diesem genauso verfallen wie unzählige Andere. Dem Drang in den Bergen unterwegs zu sein, der Stadt zu entfliehen und so oft es geht die Wanderstiefel zu schnüren, kann kaum einer widerstehen und warum sollte man auch?

Aber wie soll man sich nun diesem Problem, Phänomen Massentourismus nähern? Ein Verbot, eine Limitierung der Menschen in den Bergen? Meiner Meinung nach hat jeder, egal ob erfahrener Bergsteiger, Bergneuling, Wochenendtourist und Eine-Woche-Im-Jahr-Urlauber die gleichen Rechte in den Bergen unterwegs zu sein. Wonach sollte man hier auch unterscheiden? Nur erfahrene Bergsteiger? Aber haben nicht alle mal mit der ersten Tour begonnen? Eintrittskarten und Tageskontingente? Bergtouren nur noch für die, die es sich leisten können und gerne lange im Voraus planen? Sehr schwierig… Überlegt einfach, wie würde es Euch ergehen, wenn Ihr mit gepacktem Rucksack an einem sonnigen Frühlingstag am Wanderparkplatz steht und Euch jemand sagt: “Sorry, du nicht, heute nur für Stammgäste”.

Natürlich ist das jetzt sehr schwarz-weiß. Wie immer ist vermutlich ein Mittelweg eine  gute mögliche Lösung. Stark überlaufene Gebiete reglementieren und mit Tageskontingenten beschränken, weniger stark bedrohte Gebiete frei zugänglich halten, aber die Besucher sensibilisieren. In vielen Ländern wird diese Praxis alltäglich angewandt. Ein Teil des Kontingents kann frühzeitig gebucht werden und ein weiterer Teil wird als Tagesticket am selben Tag vergeben. Natürlich ist es ärgerlich, wenn man z.B. im Cradle Mountain National Park steht und das Tageskontingent erschöpft ist. Aber man hat auch nichts davon, wenn der Park in fünf Jahren nicht mehr existiert. Und solange verschiedene Möglichkeiten bestehen, sich um ein Ticket zu bemühen, finde ich das in Ordnung. Alles für das man sich anstrengen muss, gewinnt ja bekanntlich noch mehr an Wert.
Die Gefahr besteht natürlich, dass diese Beschränkungen auch missbraucht werden. Wenn “Eintrittskarten” nur noch über einzelne Anbieter erworben werden können, man gute Beziehungen braucht oder jahrelang warten muss, kann das auch nicht richtig sein.

Die Natur gehört allen Menschen und jeder soll sie genießen und zur Erholung nutzen können. In den skandinavischen Ländern ist dieses Grundrecht sogar in den sogenannten Jedermannsrechten verankert, welche nicht nur das Betreten, sondern auch das Nächtigen in der Natur regeln. Natürlich entstehen mit Rechten auch Pflichten und ich glaube hier liegt der richtige Ansatzpunkt.

Aus Rechten entstehen Pflichten

Auch in Norwegen wird dieses Thema kontrovers diskutiert. Auslöser sind die immens gestiegenen Besucherzahlen an der Trolltunga und die damit verbundenen Probleme. Die kürzlich erschienene Reportage Alarm Trolltunga auf NRK gibt einen guten, aber auch sehr erschreckenden Einblick. Insgesamt waren in diesem Jahr etwa 80.000 Touristen (im Jahr 2010 waren es 800) an der Trolltunga, an guten Tagen bis zu 1.800, was zur Folge hatte, dass die Besucher bis zu zwei Stunden in der Warteschlange vor der Trolltunga verbringen mussten.

Bisher dachte ich, die Trolltunge wäre durch ihre Lage und die lange Wanderung vor diesen Auswirkungen geschützt und der Massentourismus würde nur am Preikestolen stattfinden, aber leider falsch gedacht. Die Bilder von der Trolltunga sind vermutlich weltbekannt und jeder der nach Norwegen kommt, will dieses once-in-a-lifetime Selfie an der Trolltunga. Und da entstehen die Probleme. Viele Besucher laufen völlig unvorbereitet los. Ohne Karte und Kenntnisse der Route, ohne Ausrüstung, nur mit einer Flasche Wasser in der Plastiktüte und Turnschühchen und oft viel zu spät. Dass es gute fünf bis sechs Stunden dauern kann, bis man das Ziel erreicht und die gleiche Zeit zurück, damit rechnet keiner, der sich nicht vorher informiert. Und wenn es dann dunkel wird, entsteht ohne Ausrüstung und Stirnlampe schnell eine Notfallsituation im Fjell. Die extrem stark angestiegene Zahl an Rettungseinsätzen stellen die freiwilligen Retter vor Ort vor große materielle, logistische und personelle Probleme.

Auch der zurückgelassene Müll und das allgemeine Verhalten am Berg sind vollkommen unverständlich. Ratschläge von Bergführern werden in den Wind geschlagen, komplette Zelte, voll mit Müll, werden einfach stehen gelassen und am Ende müssen die Bergretter nicht nur diejenigen vom Berg holen, die sie drei Stunden vorher gewarnt haben, sondern auch Unmengen von Müll zu Fuß oder per Heli ins Tal transportieren. Und da kommen wir wieder zum Thema Pflichten.

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Trolltunga – Besucher pro Jahr (Odda Kommune und Troltunga Active)

Jeder, der in den Bergen unterwegs ist, sollte sich wenigstens ein paar grundlegende Gedanken machen, um Erstens heil und gesund zurückzukehren und Zweitens, um seinen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten, damit die Natur auch bei späteren Touren immer noch so schön ist. In Norwegen gibt es die sogenannten Fjellvettreglene, Regeln bzw. Merksätze die helfen, Touren zu planen und sicher durchzuführen:

  • #1 Plane Deine Tour sorgfältig und informiere jemanden über deine Pläne
  • #2 Passe die Tour Deinen Fähigkeiten und den vorherrschenden Bedingungen an
  • #3 Berücksichtige die Wetter- und Lawinenvorhersage
  • #4 Sei vorbereitet auf schlechtes Wetter und Kälte, selbst auf kurzen Touren
  • #5 Packe Ausrüstung für den Notfall ein, um Dir selbst und Anderen helfen zu können
  • #6 Wähle sichere Wege und meide lawinengefährdetes Gelände und unsicheres Eis
  • #7 Beherrsche und nutze Karte und Kompass und kenne jederzeit Deine Position
  • #8 Kehre rechtzeitig um, es ist keine Schande zurückzugehen
  • #9 Spare Deine Kräfte und suche Schutz, wenn nötig

Um den Rahmen hier nicht zu sprengen, gibt es eine ausführliche Erläuterung in einem gesonderten Beitrag.

Leider reichen diese Regeln scheinbar nicht aus. Es ist erschreckend, aber leider Realität, dass auf Selbstverständlichkeiten hingewiesen werden muss:

  • Bitte hinterlasst keinen Müll und nehmt alles wieder mit. Auch die Hütten haben oft keine Mülleimer.
  • Nehmt Rücksicht auf die Natur. Vermeidet Abkürzungen und respektiert Schutzgebiete.
  • Nehmt Rücksicht auf andere Wanderer und Sportler. Ihr seid nicht alleine auf der Welt.
  • Übernehmt Verantwortung, handelt reflektiert und versucht, so wenige Spuren wie möglich in der Natur zu hinterlassen.

Alle, die öfter in den Bergen unterwegs sind und alle, die sich regelmäßig mit diesen Themen beschäftigen, z. B. diesen Artikel lesen, sind eher weniger die Zielgruppe dieses Appells. Wie erreichen wir also diejenigen, die es bisher nicht kümmert, die nur das Highlight abhaken wollen, das Selfie für den schnellen Ruhm und nie wieder zurückkehren und damit die Auswirkungen nicht zu spüren bekommen?

Hier muss ich mich selbst in die Verantwortung nehmen und andere Schreiber, Blogger, Fotografen und Facebooker. Sind wir nicht selbst ein wenig Schuld an der Situation? Ich war auch schon an der Trolltunga und habe darüber geschrieben. Sollten wir es am Besten einfach lassen? Auch das wird nicht funktionieren. Die Bilder sind nun mal da, es wird mehr und mehr gepostet und geteilt. Und mal ganz ehrlich, ich schaue mir auch gerne tolle Fotos an, träume mich in guten Texten in weit entfernte Länder und erlebe Abenteuer mit dem Finger auf der Landkarte. Ich schreibe gerne und freue mich, wenn es jemand liest.

Aber das Ziel sollte sein, nicht nur Multiplikator für faszinierende Geschichten und Bilder zu sein, sondern auch dafür, Verantwortung zu übernehmen, die wir alle für die Natur tragen. Weist in Routenbeschreibungen auf Gefahren hin, versteckt die Realität nicht hinter gestellten Fotos. Klar sieht es immer so aus, als ob man alleine an der Trolltunga gewesen wäre, aber zeigt auch die wirklichen Bedingungen. Nehmt die Leser in die Pflicht, Verantwortung zu übernehmen und Ihren Teil dazu beizutragen, die Schönheit der Natur zu schützen. Oder einfach nur grundlegende Regeln zu befolgen, um der Bergwacht einen weiteren gefährlichen und kräfteraubenden Einsatz zu ersparen.

Ich hadere immer wieder mit diesem Spagat zwischen der Veröffentlichung von Texten und Bildern, die Sehnsüchte schüren und den Drang erwecken einfach raus zu gehen, und dem Gedanken die Situation nicht noch verschlimmern zu wollen. Aber ich denke, indem auf die Probleme hinweise, ein Bewusstsein schaffe und versuche es ein Stückchen besser zu machen, ich auch mal was Kritisches schreibe, auf vollständige Routenbeschreibungen verzichte und so motiviere, selbst zur Karte zu greifen und sich mit der nächsten Tour intensiver zu beschäftigen, kann ich mehr bewirken, als einfach nichts zu tun und mich im Stillen zu ärgern.

Meinen Artikel über die Trolltunga habe ich noch mal überarbeitet. Wenn auch nur ein Leser dadurch seinen Müll wieder mitnimmt und nicht zum Rest dazu schmeißt, hat sich die Mühe schon gelohnt!

 

Bildnachweis: Beitragsbild Screenshot von NRK

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