Fitness Touren

Karwendelmarsch 2015

53 km Glück und Leid

Wandern klingt zwar immer etwas verstaubt und altmodisch, aber ich gehe ehrlich gesagt gerne wandern. Meist wird als Ziel ein Gipfel oder eine Alm ausgesucht und los gehts. Aber in diesem Jahr suchte ich eine neue Herausforderung. Einmal dem Schreibtisch entkommen und dem Körper alles abverlangen. Zumindest so ein bisschen.

Irgendwann und irgendwo beim googeln und surfen stolperte ich über den Karwendelmarsch und schon nach wenigen Minuten war ich Feuer und Flamme und einen Blick in den Kalender später auch gleich angemeldet.

Der Karwendelmarsch ist schon fast eine Institution und wird in dieser Form seit 2009 veranstaltet. In den Kategorien Lauf, Marsch und Nordic Walking geht es über lange 53 km und nicht zu verachtende 2300 Höhenmeter rauf und runter, quer durch das Karwendel. Der Startschuss fällt morgens um sechs Uhr in Scharnitz und einige Stunden später winkt die Ziellinie in Pertisau am Achensee. Um es gleich vorweg zu nehmen, landschaftlich ist der Lauf kaum zu toppen, die Organisation ist erstklassig und die Mitwanderer tragen ihr übriges dazu bei, dass diese Veranstaltung nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

Sechs Uhr Start! Die Uhrzeit selbst muss erstmal verdaut werden, aber es gehört noch viel mehr dazu. Aufstehen, frisch machen, frühstücken, das Gepäck drei mal ein und wieder aus packen, nervös auf die Uhr schauen, die Schuhe schnüren, die Stirnlampe checken und den Rucksack noch ein letztes Mal ein und wieder aus packen.

Am Abend vorher anzureisen entspannt die ganze Sache deutlich. Einchecken ist schon am Vorabend möglich und man kann, wenn man zum ersten Mal teilnimmt, sich gleich mit der Örtlichkeit vertraut machen.

Der nahe gelegene Campingplatz bietet sich als Basecamp an. Der Platz selbst ist nicht allzugroß, daher wurde die benachbarte Wiese in Beschlag genommen und als zusätzliche Stellfläche genutzt. Ein wirklich schöner Platz, mit gepflegten Anlagen und hilfsbereiten Betreibern. Wer sich vor dem Marsch noch ein wenig Ruhe gönnen möchte, kann sich ganz gemütlich vor die Campingplatz eigene Stube in die Sonne setzen und neben einem guten Getränk eine sehr leckere Pizza genießen.

Zurück zum Marsch. Vom Campinplatz sind es keine zehn Minuten bis zum Startareal. Da wir den Weg am Abend vorher schon ausgekunschaftet haben, waren meine Befürchtungen mich auf dem zehnminütigen Weg zu verlaufen und zu spät zu kommen unbegründet. Insgesamt verlief alles sehr entspannt. Der Läufertrupp versammelte sich im ersten Block und ging als erstes, um Punkt sechs über die Startlinie. Danach folgten nach und nach die Wanderer und Nordic Walker. Ich reihte mich relativ weit hinten ein und muss sagen, das ich überrrascht war, wie unstreßig der Start verlief. Vorne mag es eventuell ein wenig enger gewesen sein, aber auf mich machte das Startprozedere einen sehr geordneten Eindruck.

Die ersten 20 Kilometer fliegen nahezu vorbei. Normalerweise plane ich selten Touren über 20 Kilometer Länge. Gerade in den Bergen kann man mit “kurzen” Distanzen schon den ganzen Tag beschäftigt sein. Daher war ich überrascht wie schnell die ersten Kilometer hinter mir lagen.

Am Anfang kommt zudem die Aufregung dazu. Alteingesessene Karwendelmarschierer wissen natürlich wie es läuft, aber beim ersten Mal ist es schon etwas aufregend. Nach dem Startschuss geht es auch schon zügig los. Der gesamte Trupp setzt sich in Bewegung und in einem großen Pulk geht es auf breiten Forstwegen Richtung Osten. Die Aufregung lässt nach, die Beine finden ihren Rhythmus und Überholmanöver müssen gut geplant werden, da das Feld noch relativ eng beisammen ist. Die erste Verpflegungsstation kommt überraschend schnell und damit sind auch die ersten zehn Kilometer abgehakt.

Stichwort Verpflegung: Ausgezeichnet! Diese reicht von Tee, über Wasser, Suppen, belegte Brote, Obst und vielem mehr. Jede Station variiert etwas und bietet somit kleine Überraschungen. Am Anfang liegen die Stationen etwas weiter auseinander, aber zum Ende hin nimmt die Frequenz zu. Gerade auf den letzten Metern und dem steilen Anstieg nach der Eng ist es eine gute Motivation und Stütze.

Der Weg bleibt breit und die stetige Steigung, die einen von Anfang an begleitet, nimmt mehr und mehr zu, bis nach knapp 20 Kilometern die zweite Verpflegungsstation am Karwendelhaus erreicht ist. Spätestens hier sollte man immer mal wieder einen Blick zurückwerfen oder schweifen lassen. Den Wald hat der Weg hinter sich gelassen und die Aussicht wird bestimmt von einem entzückenden Tal, eingebettet von steilen Flanken auf der Linken und Rechten. Meiner Meinung nach gehört das Karwendel eindeutig zu den schönsten Perlen der Alpen.

Nach einer Jause am Karwendelhaus geht es erstmals bergab. Der Weg wird langsam schmaler und steiniger, aber auch das Feld hat sich mittlerweile in die Länge gezogen und ab und zu ist man sogar für sich allein. Der Weg führ hinab in den kleinen Ahornboden und nach einer weiteren Stärkung kommt die erste Herausforderung, der Aufstieg zur Falkenhütte. Mittlerweile haben die Beine fast 30 Kilometer hinter sich und die Steigung zieht sich in die Länge. Die Euphorie, die Hälfte gepackt zu haben, nimmt kurzzeitig Überhand und hilft dem schweißgebadeten Wanderer hinauf. Wer noch nicht hier war, sollte entweder im Rahmen des Karwendelmarsches oder besser an einem Wochenende, mit Zeit im Gepäck, zur Falkenhütte. Das Panorama ist wunderschön und die Abende auf der Hütte hinterlassen jedes Mal ein Lächeln im Gedächtnis.

Von der Falkenhütte aus geht es kurz hinab auf einen Pfad entlang der grandiosen Felswand unterhalb der Lalidererspitze, dann wieder ein paar Meter hinauf durch das Hohljoch und nun lange hinab in die Eng im Großen Ahornboden. Wer mag, kann hier seinen Lauf beenden und als stolzer Absolvent des 35 Kilometer Marsches die Füße von sich strecken und bei einem Kaltgetränk die Aussicht genießen. Wer weiter läuft, was die Meisten tun, wird in wenigen Kilometern die größte Herausforderung der Wanderung vor sich haben.

Der Blick auf das Höhenprofil verrät, dass die bisherige Strecke nur das Aufwärmeprogramm war. Steiler als je zuvor geht es über gefühlt endlose Serpentinen hoch hinauf auf den Binssattel. Während mein Körper in der Eng noch nahezu frohlockte und ich fast schon erholt den letzten großen Anstieg anging, habe ich hier zum ersten Mal richtig zu kämpfen. Ich will mich nicht über das Wetter beklagen, aber um die Mittagszeit in einem windstillen, schattenlosen Südhang mehrere hundert Höhenmeter abzureißen ist schon eine kleine Herausforderung. Aber auch das geht vorbei. Nach einer Weile habe ich es mir abgewöhnt nach oben zu schauen. Jedes Mal war es ein deprimierender Anblick, den Lindwurm der Wanderer weit entfernt über sich zu sehen und zu wissen, dass man da auch noch hinauf muss. Irgendwann reckte ich den Kopf doch wieder nach oben und stellte erstaunt fest blauen Himmel über mir zu sehen. Der Sattel war erreicht. Eine kurze Pause und ein noch kürzeres Hochgefühl später, machte ich mich den ebenso steilen Pfad wie auf der anderen Seite hinab Richtung Tal. Ab jetzt heißt es Kilometer sammeln. Erst sehr steil und später flacher und auf breiten Wegen, vorbei an drei weiteren Verpflegungsstationen (DANKE!), lockt das Ziel in Pertisau. Ich wünschte mir, die letzten zehn Kilometer würden ebenso verfliegen wie die ersten Zehn. Aber weit gefehlt, der Körper hat sich gefühlt schon verabschiedet und jeder Schritt fällt schwer. Der Trinkrucksack ist leer und der Abstand zwischen den ausgeschilderten Kilometern wird auch immer länger. Ab der vorletzten Tafel wird es besser. Nun noch schnell durch den Ort marschieren und ab geht es ins Ziel.

Geschafft! Lächelnd mit einer Medaille um den Hals, weiß ich nun gar nicht so richtig meine Emotionen zu deuten. Körperlich fertig, freudig erregt das Ziel erreicht zu haben, irgendwie gerührt und erschöpft zugleich. Ein tolles Erlebnis, das erst Mal verdaut werden muss. Anstatt zurück nach Hause zu fahren, lohnt es sich direkt am Aachensee zu bleiben. Hier kann man seine geschundenen Beine ins kühle Nass halten, bei Schnitzel und Schorle wieder zu Kräften kommen und das Gefühl genießen, die “Expedition” gemeistert zu haben.

An einem Tag komplett durch das Karwendel. Viel zu viele Eindrücke auf einmal, aber auch die Zufriedenheit eine Herausforderung gemeistert zu haben. Die Frage ob ich so etwas noch Mal machen würde stellt sich gar nicht. Natürlich! Ich freue mich schon auf nächstes Jahr.

Weitere Infos zum Karwendelmarsch gibt es hier

1 comment on “Karwendelmarsch 2015

  1. So ein schöner Bericht 🙂 Steigert die Vorfreude auf dieses Jahr (falls das noch möglich ist)!!!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s